Separatdruck
Bio World 5-2000
The
Genetics Company - Die Überflieger
Text: ANDREA SIX
Die vier kreativen Wissenschaftler von «The Genetics Company» sind jetzt
am Start: Mit eleganter Pioniertechnologie ziehen sie gegen Krebs und Diabetes
ins Felde. Ihre bereits etablierten Taufliegen-Modelle versprechen
Spitzenleistungen.

Es ist erstaunlich: Ein Mensch und eine Fliege
— zwei so verschiedene Lebewesen — weisen in ihren biologischen Prozessen
beachtliche Ähnlichkeit auf. Dies und eine rasante Generationszeit von nur 10
Tagen macht sie zum Star für Krankheitsmodelle des Menschen: die Taufliege
So gründeten sie «The Genetics Company»,
kurz TGC, und prompt wurde das spin-off der Universität Zürich und des
Schweizerischen Instituts für Experimentelle Krebsforschung (ISREC) bei
Lausanne beim Venture 98 für seinen exzellenten Businessplan ausgezeichnet.
Seit 1999 ist die TGC auch Trägerin des KTI-Labels (Kommission für
Technologie und Innovation des Bundes). Die erste Finanzierungsrunde ist
bereits erfolgt. Als Lead-Investor stieg die Nextech Venture AG (Bioworld
4-2000) bei dem ehrgeizigen Team ein und der Novartis Venture Fund hält
ebenfalls Anteile.

Erstaunlich ähnlich in
biologischen Prozessen: Die Taufliege Drosophila
melanogaster und der Mensch.
Brillante
Wissenschaftler mit schlauen Strategien
Doch schon zuvor hatten die Unternehmensgründer
ihre Fähigkeit zum «Big Business» bewiesen. Die Forschungsergebnisse der
hochkarätigen Wissenschaftler gehen durch die Schlagzeilen der Presse («Diabetes
soll die Fliege machen», Sonntagszeitung, 27.6.99) und der renommierten
Fachjournale. Für ihre Erfolge erhalten sie eine Vielzahl von Preisen —
manche davon, wie der Friedrich Miescher Award, sind sogar mehrfach auf der
langen Liste der Ehrungen zu finden. Zuletzt wurde Konrad Basler in diesem
Jahr der Louis-Jeantet Preis für Medizin übergeben.
Und gerade jetzt steigt das kleine
Biotechnologie-Unternehmen in die produktive Phase ein. Damit taucht eine neue
Qualität in der Pharmabranche auf: massgeschneiderte Medikamente, die
gezielter als herkömmliche Produkte wirken. Mit ihren eigens entwickelten
Technologien, dem Morphogenetics™ und dem InvoScreen™ will die TGC neue Angriffspunkte für
Medikamente (Targets) — ein Patent für einen Target-Kandidaten wurde
bereits angemeldet — und für Medikamentenvorstufen (Leads) entdecken. Die
InvoScreen™ Technologie erlaubt dabei ein in
vivo Screening von potentiellen Wirkstoffen in der
Taufliegenlarve. Die Fliegenstämme sind zuvor genetisch so modifiziert worden,
dass sich die entsprechende Krankheit im Fliegen-Phänotyp zeigt —
beispielsweise als falsch zusammengesetztes Facettenauge. Tritt nach der
Injektion oder Verfütterung einer chemischen Verbindung eine Umkehr des
gesetzten Defektes ein, ist eine neue Medikamentenvorstufe gefunden. Einige
der Signalübertragungsketten, die im Zusammenhang mit Krebs und Diabetes
stehen, sind unter Beteiligung der TGC-Gründer entdeckt worden. Neue Targets
in solchen defekten Kaskaden der zellulären Kommunikation finden die TGC-Tüftler
mit einer eleganten Strategie: Die so genannte Sättigungs-Mutagenese. Mit
dieser Strategie lassen sich innerhalb von wenigen Monaten aus der Gesamtheit
der 13’000 Fliegengene, genau diejenigen bestimmen, welche an der Entstehung
einer Krankheit beteiligt sind. Die gezielte Suche nach der berühmten Nadel
im Heuhaufen also. Die Chance ist gross, dass das verwandte Gen beim Menschen
ebenfalls an der Krankheitsentstehung beteiligt ist und man somit ein neues
Medikamenten-Target gefunden hat. Die Wissenschaftler vermuten 10’000
solcher möglichen Wirkorte für Medikamente. Bekannt sind erst etwa 400. Kein
Wunder also, dass Pharmafirmen an neuen Targets brennend interessiert sind.
Als kleines Fotomodell stand in diesem
Zusammenhang bereits die Miniaturfliege «Chico» im Rampenlicht.
Mit der verkleinerten Taufliege war 1999 unter der Beteiligung von Ernst Hafen
ein perfektes Modell des menschlichen Diabetes Typ 2 und der dazugehörigen
gestörten Signalkette geschaffen worden.
Krebs
einfach umprogrammieren
Ein
weiteres Ziel ist die Identifizierung von Modulatoren der Gewebe- und
Organentwicklung. Fokussiert wird dabei neben der Zukunftsweisenden Technik
des Tissue Engineering auf die Umprogrammierung von Tumoren. Hierbei sind die
Wissenschaftler den Abläufen auf der Spur, die Tumoren so aggressiv werden
lassen. Tumoren gehen aus angehäuften Mutationen hervor, die das Gleichgewicht
der Zellen zwischen Teilung, Differenzierung, Lebensspanne und programmiertem
Zelltod zerstören. In späteren Tumorstadien tritt invasives Wachstum und die
Bildung von Tochtergeschwülsten auf. Hier fehlen die korrekten Signale, die
den Zellen die Integration in den normalen Zellverband befehlen.
Bei
vielen Tumorarten jedoch, wie Dickdarmkrebs, Brustkrebs und Prostatakarzinom
ist die Fähigkeit, sich zu differenzieren, in kleineren Gebieten noch
vorhanden, sie zeigen die so genannte Mikroheterogenität. Wäre einem Tumor
ein solches Differenzierungsverhalten wieder beizubringen, würde ihn das
weniger bösartig machen. Spezifische Befehle, sich zurückzuziehen und
gegebenenfalls abzukapseln, könnten so eine chirurgische Entfernung
vorbereiten. Die TGC will die genetischen Ergebnisse von der Taufliege mit
Untersuchungen an Säugerzellen verbinden und so in die Modulation der im
Tumor gestörten Abläufe gezielt eingreifen. Erst letztlich wurden unter
Beteiligung der TGC-Gründer Signalkomponenten identifiziert, welche die
Aktivität der Onkogene Wnt, Hh oder D-Raf unterdrücken. Diese Onkogene sind
häufig aktiviert in menschlichen Tumoren. TGC will diese Komponenten weiter
charakterisieren, denn sie sind vielversprechende Kandidaten für neue
Therapieansätze.
Verlockend
für die Pharmabranche
Bis
Ende des Jahres will die TGC bereits mit 15 Mitarbeitern die von der Universität
Zürich und ISREC angemieteten Labors bevölkern. Für die TGC ein Glücksfall
— die glänzende Infrastruktur der beiden Forschungsstätten und eine
bestehende Grundausstattung für ihre Bedürfnisse — und die der Taufliegen.
Die Tierehen brauchen eine Klimaanlage, die ihnen wohlig-feuchte 25°C schafft
und eine Futterküche für nährstoffreichen Maisbrei und Apfelsaft-Hefe-Cocktails
— ein wahres Fliegenrestaurant. Für die Wissenschaftler sind grosszügige
Labors für Molekularbiologie, Mikroskopie, Gerätepark und die Arbeit mit den
Fliegen eingerichtet.
Das
TGCExpertenteam mit seinem Fachwissen in Entwicklungsbiologie und
morphogenetischer Modulation sowie ihren brillanten Strategien katapultiert
sich damit an die Spitze bei der Erforschung neuer therapeutischer Ansätze.
Damit betont die TGC nicht nur den Forschungsstandort Schweiz, sondern schafft
auch attraktive Gelegenheiten für Kooperationen mit der biotechnologischen
und pharmazeutischen Industrie. Geplant ist dies beispielsweise im Bereich der
Medikamenten-Entwicklung: Eine Firma entwickelt eine Substanz, TGC sucht dazu
den Wirkort. «Kurz- bis mittelfristig gesehen, wollen wir eine
Technologieplattform als Dienstleistung anbieten», sagt Geschäftsführer
Mario Jenni. Entsprechend der erwarteten starken Wachstumsphase der TGC sollen
anschliessend eigene Produkte als Target-Lizenzen an die Industrie abgegeben
werden.
The
Winning Team

Erstklassige Qualität im Team vereint: Ernst Hafen,
Michel Aguet, Mario Jenni und Konrad Basler (von links), die Gründer von «The
Genetics Company».
Professor Michel Aguet, Präsident und CEO der TGC, ist seit 1996
Direktor des Schweizerischen Instituts für Experimentelle Krebsforschung in
Epalinges bei Lausanne. Zuvor hat er als Leiter der Molekularen Onkologie
bei der Genentech Inc. in San Francisco gewirkt. Michel Aguet trägt mit
seinen Arbeiten über das Interferonsystem und die Zellentwicklung zum
Wissenakapital derTGC bei. Die Ergebnisse der DrosophilaModelle will er in
der Maus weiterverfolgen.
Konrad Basler arbeitete unter anderem am renommierten Howard
Hughes Medical Institute bevor er 1997 zum Professor für Molekularbiologie
an der Universität Zürich ernannt wurde. Als wissenschaftlicher Direktor
der TGC steuert Konrad Basler seine bahnbrechenden Erkenntnisse der
Morphogenese und onkogener Signalwirkungaketten bei.
Ernst Hafen, Professor für Zoologie an der Universität Zürich,
ist ebenfalls wissenschaftlicher Direktor der TGC mit hochkarätigem
Forschungshintergrund (u.a. University of California in Berkeley). Ernst
Hafen lieferte wesentliche Beiträge zur Aufklärung von
Signalwirkungsketten und ihren nukleären Zielen bei der Taufliege.
Mario Jenni, COO der TGC, hat sowohl das fachliche
Know-how eines Molekulargenetikers, als auch die erforderlichen Marketing-Qualitäten.
Dabei kann der Energie-geladene Manager auf seine Erfahrungen bei Life
Technologies AG und der Hoechst AG aufbauen.
Attraktiv sind diese Allianzen für die grossen Firmen, da die Top-Unternehmen
anstelle der angestrebten Zahl von zwei neuen Medikamenten pro Firma
pro
Jahr im Durchschnitt lediglich 0.6 auf den Markt bringen. Um das Innovationsdefizit
auszugleichen findet zunehmend ein Outsourcing der Pharmaforschung an Biotech-Firmen
wie die TGC statt. «Wir sind bereits in Verhandlungen mit potentiellen
Life Science Kunden«, bestätigt Mario Jenni diesen Trend.

Im Kampf gegen das Chaos: Mit morphogenetischer Modulation will die TGC Darmtumoren zur Re-Differenzierung anregen.
The
Genetics Company, Inc.
Winterthurerstrasse
190
CH-8057
Zürich
Tel:
+41 (0) 1 635 66 26
Fax:
+41 (0) 1 635 68 77
eMail:
jenni@the-genetics.com
Aktuelle Adresse ab 2002:
Wagistrasse 27
CH-8952 Schlieren
Tel: +41 (0) 44 200 22 00
Fax: +41 (0) 44 200 22 11
04.06.2002