Separatdruck Bio World 5-2000                          

 

The Genetics Company - Die Überflieger

 

Text: ANDREA SIX

 

Die vier kreativen Wissenschaftler von «The Genetics Company» sind jetzt am Start: Mit eleganter Pioniertechnologie ziehen sie gegen Krebs und Diabetes ins Felde. Ihre bereits etablierten Taufliegen-Modelle versprechen Spitzenleistungen.

Es ist erstaunlich: Ein Mensch und eine Fliege — zwei so verschiedene Lebewesen — weisen in ihren biologischen Prozessen beachtliche Ähnlichkeit auf. Dies und eine rasante Generationszeit von nur 10 Tagen macht sie zum Star für Krankheitsmodelle des Menschen: die Taufliege Drosophila melanogaster. Auf der Suche nach innovativen therapeutischen Ansätzen für multifaktorielle Erkrankungen wie Krebs und Diabetes haben vier äusserst kreative Wissenschaftler aus Zürich und Lausanne das 2.5 Millimeter grosse Insekt zum Mittelpunkt ihrer Forschung gemacht. Konrad Basler, Michel Aguet, Ernst Hafen und Mario Jenni wollen bei der Bekämpfung von Krankheiten Pionierarbeit leisten. Dass die Sequenz der etwa 13’000 Taufliegen-Gene seit Anfang Jahr entschlüsselt ist, kommt den Wissenschaftlern dabei zu gute.

So gründeten sie «The Genetics Company», kurz TGC, und prompt wurde das spin-off der Universität Zürich und des Schweizerischen In­stituts für Experimentelle Krebsforschung (ISREC) bei Lausanne beim Venture 98 für seinen exzellenten Businessplan ausgezeichnet. Seit 1999 ist die TGC auch Trägerin des KTI-Labels (Kommission für Technologie und Innovation des Bundes). Die erste Finanzierungsrunde ist bereits erfolgt. Als Lead-Investor stieg die Nextech Venture AG (Bioworld 4-2000) bei dem ehrgeizigen Team ein und der Novartis Venture Fund hält ebenfalls Anteile.

 

 

Erstaunlich ähnlich in biologischen Prozessen: Die Taufliege Drosophila melanogaster und der Mensch.

 

Brillante Wissenschaftler mit schlauen Strategien

 

Doch schon zuvor hatten die Unternehmensgründer ihre Fähigkeit zum «Big Business» bewiesen. Die Forschungsergebnisse der hochkarätigen Wissenschaftler gehen durch die Schlagzeilen der Presse («Diabetes soll die Fliege machen», Sonntagszeitung, 27.6.99) und der renommierten Fachjournale. Für ihre Erfolge erhalten sie eine Vielzahl von Preisen — manche davon, wie der Friedrich Miescher Award, sind sogar mehrfach auf der langen Liste der Ehrungen zu finden. Zuletzt wurde Konrad Basler in diesem Jahr der Louis-Jeantet Preis für Medizin übergeben.

Und gerade jetzt steigt das kleine Biotechnologie-Unternehmen in die produktive Phase ein. Damit taucht eine neue Qualität in der Pharmabranche auf: massgeschneiderte Medikamente, die gezielter als herkömmliche Produkte wirken. Mit ihren eigens entwickelten Technologien, dem Morphogenetics und dem Invo­Screen will die TGC neue Angriffspunkte für Medikamente (Targets) — ein Patent für einen Target-Kandidaten wurde bereits angemeldet — und für Medikamentenvorstufen (Leads) entdecken. Die InvoScreen Technologie erlaubt dabei ein in vivo Screening von potentiellen Wirkstoffen in der Taufliegenlarve. Die Fliegenstämme sind zuvor genetisch so modifiziert worden, dass sich die entsprechende Krankheit im Fliegen-Phänotyp zeigt — beispielsweise als falsch zusammengesetztes Facettenauge. Tritt nach der Injektion oder Verfütterung einer chemischen Verbindung eine Umkehr des gesetzten Defektes ein, ist eine neue Medikamentenvorstufe gefunden. Einige der Signalübertragungsketten, die im Zusammenhang mit Krebs und Diabetes stehen, sind unter Beteiligung der TGC-Gründer entdeckt worden. Neue Targets in solchen defekten Kaskaden der zellulären Kommunikation finden die TGC-Tüftler mit einer eleganten Strategie: Die so genannte Sättigungs-Mutagenese. Mit dieser Strategie lassen sich innerhalb von wenigen Monaten aus der Gesamtheit der 13’000 Fliegengene, genau diejenigen bestimmen, welche an der Entstehung einer Krankheit beteiligt sind. Die gezielte Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen also. Die Chance ist gross, dass das verwandte Gen beim Menschen ebenfalls an der Krankheitsentstehung beteiligt ist und man somit ein neues Medikamenten-Target gefunden hat. Die Wissenschaftler vermuten 10’000 solcher möglichen Wirkorte für Medikamente. Bekannt sind erst etwa 400. Kein Wunder also, dass Pharmafirmen an neuen Targets brennend interessiert sind.

Als kleines Fotomodell stand in diesem Zusammenhang bereits die Miniaturfliege «Chico» im Rampenlicht. Mit der verkleinerten Taufliege war 1999 unter der Beteiligung von Ernst Hafen ein perfektes Modell des menschlichen Diabetes Typ 2 und der dazugehörigen gestörten Signalkette geschaffen worden.

 

Krebs einfach umprogrammieren

 

Ein weiteres Ziel ist die Identifizierung von Modulatoren der Gewebe- und Organentwicklung. Fokussiert wird dabei neben der Zukunftsweisenden Technik des Tissue Engineering auf die Umprogrammierung von Tumoren. Hierbei sind die Wissenschaftler den Abläufen auf der Spur, die Tumoren so aggressiv werden lassen. Tumoren gehen aus angehäuften Mutationen hervor, die das Gleichgewicht der Zellen zwischen Teilung, Differenzierung, Lebensspanne und programmiertem Zelltod zerstören. In späteren Tumorstadien tritt invasives Wachstum und die Bildung von Tochtergeschwülsten auf. Hier fehlen die korrekten Signale, die den Zellen die Integration in den normalen Zellverband befehlen.

Bei vielen Tumorarten jedoch, wie Dickdarmkrebs, Brustkrebs und Prostatakarzinom ist die Fähigkeit, sich zu differenzieren, in kleineren Gebieten noch vorhanden, sie zeigen die so genannte Mikroheterogenität. Wäre einem Tumor ein solches Differenzierungsverhalten wieder beizubringen, würde ihn das weniger bösartig machen. Spezifische Befehle, sich zurückzuziehen und gegebenenfalls abzukapseln, könnten so eine chirurgische Entfernung vorbereiten. Die TGC will die genetischen Ergebnisse von der Taufliege mit Untersuchungen an Säugerzellen verbinden und so in die Modulation der im Tumor gestörten Abläufe gezielt eingreifen. Erst letztlich wurden unter Beteiligung der TGC-Gründer Signalkomponenten identifiziert, welche die Aktivität der Onkogene Wnt, Hh oder D-Raf unterdrücken. Diese Onkogene sind häufig aktiviert in menschlichen Tumoren. TGC will diese Komponenten weiter charakterisieren, denn sie sind vielversprechende Kandidaten für neue Therapieansätze.

 

Verlockend für die Pharmabranche

 

Bis Ende des Jahres will die TGC bereits mit 15 Mitarbeitern die von der Universität Zürich und ISREC ange­mieteten Labors bevölkern. Für die TGC ein Glücksfall — die glänzende Infrastruktur der beiden Forschungsstätten und eine bestehende Grundausstattung für ihre Bedürfnisse — und die der Taufliegen. Die Tierehen brauchen eine Klimaanlage, die ihnen wohlig-feuchte 25°C schafft und eine Futterküche für nährstoffreichen Maisbrei und Apfelsaft-Hefe-Cocktails — ein wahres Fliegenrestaurant. Für die Wissenschaftler sind grosszügige Labors für Molekularbiologie, Mikroskopie, Gerätepark und die Arbeit mit den Fliegen eingerichtet.

Das TGC­Expertenteam mit seinem Fachwissen in Entwicklungsbiologie und morphogenetischer Modulation sowie ihren brillanten Strategien katapultiert sich damit an die Spitze bei der Erforschung neuer therapeutischer Ansätze. Damit betont die TGC nicht nur den Forschungsstandort Schweiz, sondern schafft auch attraktive Gelegenheiten für Kooperationen mit der biotechnologischen und pharmazeutischen Industrie. Geplant ist dies beispielsweise im Bereich der Medikamenten-Entwicklung: Eine Firma entwickelt eine Substanz, TGC sucht dazu den Wirkort. «Kurz- bis mittelfristig gesehen, wollen wir eine Technologieplattform als Dienstleistung anbieten», sagt Geschäftsführer Mario Jenni. Entsprechend der erwarteten starken Wachstumsphase der TGC sollen anschliessend eigene Produkte als Target-Lizenzen an die Industrie abgegeben werden.

 

The Winning Team

 

Erstklassige Qualität im Team vereint: Ernst Hafen, Michel Aguet, Mario Jenni und Konrad Basler (von links), die Gründer von «The Genetics Company».

Professor Michel Aguet, Präsident und CEO der TGC, ist seit 1996 Direktor des Schweizerischen Instituts für Experimentelle Krebsforschung in Epalinges bei Lausanne. Zuvor hat er als Leiter der Molekularen Onkologie bei der Genen­tech Inc. in San Francisco gewirkt. Michel Aguet trägt mit seinen Arbeiten über das Interferonsystem und die Zellentwicklung zum Wissenakapital derTGC bei. Die Ergebnisse der Drosophila­Modelle will er in der Maus weiterverfolgen.

Konrad Basler arbeitete unter anderem am renommierten Howard Hughes Medical Institute bevor er 1997 zum Professor für Molekularbiologie an der Universität Zürich ernannt wurde. Als wissenschaftlicher Direktor der TGC steuert Konrad Basler seine bahnbrechenden Erkenntnisse der Morphogenese und onkogener Signalwirkungaketten bei.

Ernst Hafen, Professor für Zoologie an der Universität Zürich, ist ebenfalls wissenschaftlicher Direktor der TGC mit hochkarätigem Forschungshintergrund (u.a. University of California in Berkeley). Ernst Hafen lieferte wesentliche Beiträge zur Aufklärung von Signalwirkungsketten und ihren nukleären Zielen bei der Taufliege.

Mario Jenni, COO der TGC, hat sowohl das fachliche Know-how eines Molekulargenetikers, als auch die erforderlichen Marketing-Qualitäten. Dabei kann der Energie-geladene Manager auf seine Erfahrungen bei Life Technologies AG und der Hoechst AG aufbauen.

 

Attraktiv sind diese Allianzen für die grossen Firmen, da die Top-­Unternehmen anstelle der angestreb­ten Zahl von zwei neuen Medikamenten pro Firma pro Jahr im Durchschnitt lediglich 0.6 auf den Markt bringen. Um das Innovationsdefizit auszugleichen findet zunehmend ein Outsourcing der Pharmaforschung an Biotech-Firmen wie die TGC statt. «Wir sind bereits in Verhandlungen mit potentiellen Life Science Kunden«, bestätigt Mario Jenni diesen Trend.

 

Im Kampf gegen das Chaos: Mit morphogenetischer Modulation will die TGC Darmtumoren zur Re-Differenzierung anregen.

 

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04.06.2002