NZZ 03.04.2009, Nr..78, S. 49
Künstliches Muskelspiel in der Optik
Das Startup-Unternehmen Optotune hat eine Linse entwickelt, die selbständig
fokussiert
Der ETH-Spin-off Optotune hat es geschafft, das Auge in einem technischen
System mit einer einzigen optischen Linse nachzuahmen. Dafür hat er den
ZKB-Pionierpreis erhalten.

ADRIAN
BAER
David Niederer, Manuel Aschwanden und Mark Blum (von
links) im Optotune-Labor in Dübendorf.
Handys
im Blick
«Manuel
hat mir im Sommer 2007 von seiner und Davids Entwicklung erzählt», so Blum und
ergänzt: «Ich war begeistert und dachte gleich: Weshalb macht man das nicht
schon lange so?» Blum, der sich nach seinem Elektrotechnik-Studium in einer
Beratungsfirma betriebswirtschaftliches Wissen angeeignet hat, sah vor seinem
geistigen Auge schon zahlreiche Geschäftsfelder, die man mit solchen
steuerbaren Linsen erobern könnte. An erster Stelle stand der riesige
Handymarkt. In Handys sind heute zwar standardmässig Kameras eingebaut, sie
verfügen aufgrund der beschränkten Grösse des Gerätes jedoch nicht über
einen leistungsfähigen optischen Zoom. Die biegbare Linse wird dies möglich
machen, da sie im Vergleich zu herkömmlichen Linsen kompakt und preisgünstig
hergestellt werden kann. Aschwanden, Blum und Niederer beschlossen, eine Firma
zu gründen: Optotune. Mit ins Gründungsteam nahmen sie Peter Vonesch, einen
Finanz- und Rechtsexperten. Dann ging alles sehr rasch: Die beiden damals 27-Jährigen
Aschwanden und Blum begannen im Januar 2008 mit Marktanalysen und dem Schreiben
eines Businessplans. Parallel dazu entwickelte Niederer das Produkt weiter. Im März
musste der Businessplan bereits stehen, denn Optotune hatte sich auch gleich für
die Teilnahme beim Jungunternehmer-Preis Venture angemeldet. «Ich kann allen
Jungunternehmern raten: Knüpft den Businessplan an den Wettbewerb. So läuft
man nicht Gefahr, sich zu verzetteln.» Davon konnte bei Optotune keine Rede
sein, man gewann auf Anhieb den Preis für die beste Businessidee und räumte
auch den Preis für den besten Businessplan ab.
Die
Publizität öffnete der Firma auch bei Investoren die Türen. «Man redete mit
uns. Und mit einigen klassischen Investoren hatten wir sehr positive Gespräche»,
erzählt Blum. Zum Abschluss kam es dennoch nicht, da sich Optotune einen
Entwicklungsauftrag einer amerikanischen Firma angelte, «welche die
Telekombranche beliefert und Erfahrungen mit Millionenstückzahlen hat.» Den
Namen des Unternehmens will Blum nicht verraten. Optotune werde mit diesem
Partner den ersten optischen Dreifachzoom bauen, der in jedes Handy passt. Um
den Entwicklungsauftrag ausführen zu können, ist das 4-köpfige Team auf 13
Personen angewachsen. «Dieser erste Zoom-Prototyp wird für uns entscheidend
sein, denn er wird beweisen, dass unsere Linse den hohen Ansprüchen der
Industrie genügt», führt Blum aus. Das werde dem Unternehmen den Weg in
andere Geschäftsfelder freimachen: Auch medizinische Geräte wie Mikroskope
oder Endoskope, Autoscheinwerfer, Beleuchtungssysteme und Kameras aller Art könnten
durch die Optotune-Linse verkleinert und weiterentwickelt werden.
Prozess-Geheimnis
Geld
verdienen will Optotune mit der Entwicklung des Prototyps sowie mit Lizenzen auf
neue Produkte. Selber Millionen von Linsen herstellen will der ETH-Spin-off
jedoch zunächst nicht. «Für den Massenmarkt brauchen wir einen
Produktionspartner», erklärt Blum. In Dübendorf, wo Optotune heute bei der
EMPA Büros und ein Labor hat, will Optotune die Produkte entwickeln und
kleinere Serien auch selbst herstellen. Ziel sei es, bis im Jahr 2014 auf 40
Leute zu wachsen. «Wir wollen eine mittelgrosse Entwicklungs- und
Produktionsfirma im Raum Zürich sein», sagt Blum. Die meisten aus dem
Optotune-Team studierten wie Blum, Aschwanden und Niederer an der ETH. Die
Mitarbeiter haben Ausbildungen in Elektrotechnik, Maschinenbau, Chemie oder
Materialwissenschaft. Gesucht werden derzeit aber auch Feinmechaniker und
Marketingleute. Das heterogene Team widerspiegelt auch die Komplexität des
Produktes. Mit Optik-Know-how allein kann die biegbare Linse nicht gebaut
werden. - Hat Optotune nicht Angst, dass ein grösserer Player wie Phillips oder
Sony die neuen Linsen - plump gesagt - auseinandersägt und imitiert? Damit sei
zu rechnen, so Blum. Deshalb seien mehrere Designs patentiert worden. Eine echte
Sicherheit könnten die Patente jedoch nicht bieten. Die Firma schützt ihre
Idee vor allem, indem sie geheim hält, mit welchen Materialien sie arbeitet und
wie der Produktionsprozess abläuft.
03.12.2009