Neue Zürcher Zeitung vom 20./21.03.2010, Nr. 66, S. 21
Mit dem Flugzeug auf den Mond fliegen
Der ETH-Spin-off Kooaba will mit der
Bilderkennung Geschäfte machen
Gordana
Mijuk
Zwei ETH-Abgänger gehören mit ihrer klugen Bilderkennungstechnologie zu
den Besten der Welt und stehen dem Google-Konzern in nichts nach. Mit ihrer
Firma Kooaba wollen sie sich im Markt behaupten. Da kommt ihnen Google gerade
recht.

CHRISTOPH
RUCKSTUHL / NZZ
Herbert Bay (links im Bild) und Till Quack, Gründer
von Kooaba.
Grosser Konkurrent
Um
mit ihrer Bilderkennung dennoch einen Nutzen für die Konsumenten zu schaffen,
will Kooaba in klar abgesteckten Gebieten Objekte über Bilder erklären. Bay
denkt etwa an eine Stadtführer-Applikation, die einem ermöglichen soll, Gebäude
abzulichten und im nächsten Moment alle relevanten Informationen über die Orte
zu erhalten. Oder an einen Weinführer, der einem über das Bild der
Weinetikette Aufschluss über den edlen guten Tropfen gibt. Bereits erhältlich
ist eine Applikation für bestimmte Zeitungen. Sie ermöglicht es dem User,
Artikel zu fotografieren, für die man gerade keine Zeit hat oder die man
Freunden weiterleiten möchte. Über den Kooaba-Service erhält man ein PDF der
Zeitungsseite und weiterführende Informationen. «Ziel ist es, kurzfristig sämtliche
Schweizer Zeitungen mit dieser App. abzudecken», so Bay. Möglich ist es auch
bereits, Filmplakate oder DVD zu fotografieren und Informationen über den Film
sowie über die Spielorte zu erhalten. Comparis.ch bietet mit der
Erkennungstechnologie von Kooaba einen Service an, der dem User zeigt, wo welche
DVD oder CD am preisgünstigsten zu erhalten ist.
Seit
vergangenem November offeriert auch Google unter dem Namen Goggles eine visuelle
Suchfunktion auf ihrem Betriebssystem Android. Eingeschüchtert sind Bay und
Quack dennoch nicht. «Wir sind nicht unglücklich über den Markteintritt von
Google. Das erspart uns hohe Marketingkosten, weil die Leute dank Google
schneller verstehen werden, was wir anbieten», erklärt Quack.
Ärger mit Migrationsamt
Die
Frage, ob Google Kooaba nicht bereits habe übernehmen wollen, verneinen die
beiden Firmengründer. Es wäre nach ihnen falsch, auf eine solche
Exit-Strategie zu setzen. Ihr Ziel sei vielmehr, profitabel zu werden und
Arbeitsplätze zu schaffen. Dennoch macht ihnen Google das Leben nicht nur
einfacher. Wenn es um die Rekrutierung des Personals geht, hat Kooaba keinen
leichten Stand gegen den Google-Konzern, der den raren und begehrten
Informatikern gute Löhne und beste Arbeitsbedingungen bietet. Umso mehr sind
Bay und Quack stolz auf ihr zehnköpfiges Team. «Unsere Mitarbeiter nehmen eine
Lohnabstufung in Kauf, um für uns zu arbeiten. Aber sie werden dafür an der
Firma beteiligt und machen eine hochspannende Arbeit», so Quack. Kräfteraubend
bei der Rekrutierung seien die kantonalen Behörden, sprich das Migrationsamt,
das die Einstellung ausländischer Angestellter erschwere und oft um Monate verzögere.
Geld
verdient Kooaba zurzeit vor allem mit interaktiver Werbung. So konnten kürzlich
Käufer der Kooaba-Applikation Zeitungsinserate mit Autos von Opel fotografieren
und damit Tickets für den Autosalon in Genf gewinnen. Die erste Werbekampagne
habe Kooaba mit Easy Jet gemacht, erinnert sich Bay. Das war vor drei Jahren.
Damals ging es um das Erkennen von fünf Piktogrammen. «Heute verfügen wir über
zehn Millionen Bilder», so Quack.
Keine Berater geworden
Kennengelernt
haben sich Bay und Quack in Boston, wohin das Beratungsunternehmen BCG
talentierte Studenten zu einem Assessment eingeladen hatte. Später trafen sie
sich wieder in den Gängen des Computer Vision Lab der ETH und realisierten,
dass sie beide im Bereich der Bilderkennung forschen. Am Anfang habe man noch
Prototypen mit SMS und MMS gebastelt. «Wir waren wohl ein wenig zu früh mit
unserem Prototyp», sagt Quack. Mit dem iPhone habe sich alles verändert. Nicht
nur sei alles viel einfacher für die User, die Preise zur Datenübertragung
seien auch radikal gesenkt worden.
Geschäftlich
laufe es derzeit gut, so Bay. Ziel sei es, noch dieses Jahr schwarze Zahlen zu
erwirtschaften. Hatten Bay und Quack am Anfang ihr Unternehmen noch aus eigener
Tasche und mit Hilfe von «family, friends and fools» sowie Wandeldarlehen
finanziert, wurden diese Mitte 2009 im Rahmen einer Kapitalerhöhung in
Eigenkapital umgewandelt. Zu den grossen Aktionären gehören die ZKB und die
Hasler-Stiftung.
23.03.2010