Swiss Equity Magazin, September 2010, Vol. 18, Nr. 9, S. 12

Jungunternehmen

Kooaba

Die Forschung an Bilderkennungssoftware führte Herbert Bay und Till Quack an der ETH Zürich zusammen. Nun soll sie als App für Medientexte den zwei Firmengründern den unternehmerischen Durchbruch bringen.

 

Text: Alexander Saheb

Gigantische Märkte, umwerfende Aussichten: So fängt fast jede Story eines Startups an. Üblicherweise schnuppern die Gründer zuerst ein wenig Garagenluft, bevor sie repräsentative Bürofluchten beziehen, die Kunden Schlange stehen und sich ein Geldregen über die engagierten Macher ergiesst. Kommt es anders, werden die vollmundigen Ankündigungen zunächst leiser, bleiben dann aus und schliesslich löst sich alles in Wohlgefallen auf.

An einem Wendepunkt seiner Geschichte steht derzeit auch das Ende 2006 gegründete Zürcher Startup Kooaba. Jetzt geht es nicht mehr um eine faszinierende Idee, die dank der modernsten Computertechnologien möglich und rechenbar ist. Jetzt will der Markt von der Existenzberechtigung der Anwendung überzeugt werden. Nach der technischen Machbarkeit muss das mittlerweile gut zehn Personen starke Team um die Firmengründer Herbert Bay (36) und Till Quack (32) nun die Profitabilität des Konzeptes beweisen. Wie gross wird die Scheibe sein, die sich das Startup vom natürlich riesigen Werbemarkt abschneiden kann? Wie viele Nutzer werden tatsächlich dafür zahlen, dass sich Printmagazine via Smartphone mit Zusatzinhalten oder Seitenabrufen veredeln lassen?

Weltweit alle Bücher und Videogames erfasst

Ausgehend von einem Algorithmus zur Bilderkennung haben Herbert Bay und Till Quack die Idee zu ihrer Firma entwickelt. «Man hält das Handy auf ein Objekt, macht ein Foto, und schon erfährt man, worum es sich beim fotografierten Objekt handelt», beschreibt Bay die grundlegende Idee, die hinter der ersten selbstentwickelten Anwendung namens Kooaba Search steht. Bay studierte an der EPFL Lausanne Mikrotechnik, Quack an der ETH Zürich Elektrotechnik. Bei der nachfolgenden Promotion am Computer Vision Lab der ETH lernten sich die zwei Jungunternehmer kennen. Die Arbeit an Kooaba startete damals noch in von der ETH zur Verfugung gestellten Räumen, eine erste Geldspritze kam von der Volkswirtschaftsstiftung.

2008 konnte dann neben Freunden und Familie die Zürcher Kantonalbank (ZKB) als Investor gewonnen werden. Das Kooaba-Search-Tool startete Ende 2008 als iPhone-App zur fotografischen Erkennung von CDs und DVDs und wurde rasch auf Bücher und Games erweitert. Die Idee war, dass die Nutzer so einfach an Informationen über diese Medienprodukte kommen sollten. Das reicht bis zur Kopplung mit einer Preissuch-maschine, die im Internet automatisch einen Preisvergleich für das Produkt anstellt. Mit einer Million CD-Covern in der Datenbank wurde die Anwendung lanciert, schon im ersten Quartal 2009 waren alle CDs, Bücher und Videogames weltweit erfasst.

Firmengeschichte

2006: Gründung der Kooaba GmbH; Businessplan und Entwicklung des Prototyps

2007: Erstfinanzierung 0,1 Mio. CHF durch Volkswirtschaftsstiftung

2008: Gewinner McKinseys Venture 08 und IMD Startup Challenge; Seedfinanzierungdurch die ZKB, Familie und Freunde über 0,7 Mio. CHF; erste iPhone-App

2009: Datenbank umfasst alle DVDs, CDs und Games; Weltwoche nutzt Kooaba; Zwischenfinanzierung von 0,85 Mio. CHF durch Hasler Stiftung, Chemolio

           Management

2010: Blick und das deutsche CHIP-Magazin nutzen Kooaba; Lancierung von Paperboy mit 20 Minuten und NZZ am Sonntag; Finanzierungsrunde über 3,0 Mio. CHF

In Konkurrenz zu Google.

Bei den Usern kam zwar das Tool, nicht aber die Begrenzung auf wenige Gegenstandskategorien gut an. «Die Leute fotografierten die verschiedensten Sachen», berichtet Bay. Daher wurde von Kooabas Rechnern auch nur eine Erkennungsrate von gegen 50% erzielt: Bleistifte waren schliesslich nicht als Objekt der Identifikation vorgesehen. Die Rate mag zwar niedrig klingen, bekommt aber eine andere Qualität, wenn man weiss, dass Google mit seiner Anwendung «Goggles» nur eine Erkennungsrate von knapp über 30% erreichte. Amazon bietet mit «Amazon Remember» eine ähnliche Funktion für Bücher und CDs an.

Trotzdem war das alles für einen kommerziellen Einsatz zu wenig. Kooaba entwickelte die Idee deshalb weiter und lancierte die Anwendung «Paperboy», die sich nur noch auf Printmedien beschränkt. «Wir wollten für die User nur einen spezifischen Nutzen schaffen», schildert Bay die Idee dazu.

Wenn man nun mit dieser iPhone-Anwendung eine Seite aus einem Printmedium, das in der Datenbank von Kooaba erfasst ist, fotografiert, hat man drei Optionen: Entweder sind virtuelle Zusatzinhalte vorhanden. Das können Interviews oder weiterführende Links sein. Oder man kann den Beitrag als PDF-Datei an jemanden weiterleiten. Drittens bekommt man die Möglichkeit, den fotografierten Beitrag auf dem eigenen Rechner zu archivieren. So wurde beispielsweise die Betty-Bossi-Zeitschrift mit den Services von Kooaba verbunden. Sofort kam es zu einem regen Download von PDF-Dateien mit Rezepten. Bay glaubt, dass Paperboy gerade für Zeitschriftenleser eine spannende Anwendung ist. Diese wüssten die Inhalte ihres Blattes, die durch qualifizierte Redaktionsteams selektiert und aufbereitet wurden, besonders zu schätzen und wollen sie aufbewahren oder weiterempfehlen.

Werbung statt Gebühren?

Was auch immer aber der User mit seiner Kooaba-Anwendung macht, irgendjemand muss bezahlen. Bei der «Weltwoche» berappen die Kooaba-Abonnenten 9 CHF pro Quartal für den Service. Bay erscheint das nicht als optimale Lösung. Schliesslich sind Internet-User immer noch kaum bereit, für Online-Content zu bezahlen.

Also schaut er wie viele andere Online-Akteure auf die Eignung des Angebotes als Werbeplattform. Dort tun sich dann hoffentlich die Schleusen auf; und der Ein- satz der Jungunternehmer wird gebührend vergoldet. Das aktuelle Konzept sieht deshalb vor, den von den Usern des Services abgerufenen PDF-Dateien oder an- deren Informationen passende Werbung beizugeben. Die Werbetreibenden erhalten die Möglichkeit, sowohl in den Printmedien direkt als auch in den darauf bezogenen Kooaba-Services Werbebotschaften unterzubringen. Mit diesem Ansatz ist man jetzt nicht nur in der Schweiz aktiv, wo mit Publicitas und OMD sowie anderen Werbevermittlern gearbeitet wird. Geplant ist auch der Eintritt in andere Märkte, angefangen von nahen europäischen Ländern bis hin zu den USA und asiatischen Staaten.

«Vorrangig ist geplant, die Verkaufs-Ressourcen auszubauen.»

Investoren erhöhen Engagement

Kooaba kommt dabei zugute, dass jüngst eine Finanzierungsrunde im Volumen von 3 Mio. CHF abgeschlossen werden konnte. Vorrangig schossen mit der ZKB, der Hasler Stiftung und der Chemolio Management AG drei schon bestehende Investoren nochmals Geld ein, mit der Corisol Holding kam ein weiteres Family Office hinzu. Mithin ist Geld da, das ins Wachstum des Unternehmens gesteckt werden kann. Vorrangig ist geplant, die Marketing- und Verkaufsressourcen auszubauen. Bisher besteht die Firma aus IT-Fachkräften und kaufmännisch ausgebildeten Mitarbeitenden.

Kooaba AG

Anschrift: Hardturmstrasse161, 8005 Zürich

Internet: www.kooaba.com

Umsatz 2010: 0,4 Mio. CHF

Umsatz 2011e: 2,0 Mio. CHF

Eigentümer/Grösste Aktionäre: Herbert Bay, Till Quack, ZKB, Hasler-Stiftung, Corisol Holding, Chemolio Management AG

Letzte Finanzierungsrunde: Sommer 2010

 

 

Das Erreichen der Gewinnschwelle könnte noch 2010 erfolgen. Angesichts der neuen Ressourcen und Expansionspläne wäre aber auch eine Verschiebung auf 2011 denkbar, ohne dass dies negativ interpretiert werden sollte, wie Bay betont. Die Umsatzplanung für das laufende Jahr sieht gegen 0,4 Mio. CHF vor, schon nächstes Jahr sollen es 2 Mio. CHF sein.

Neben dem marktfähigen Produkt Paperboy, das jetzt den kommerziellen Durchbruch erzielen soll, generiert Kooaba mit der erwähnten umfassenden Search-Anwendung und der Lizenzvergabe für Bilderkennungssoftware Umsätze. In Entwicklung ist zudem «Shooting Star», bei dem es sich um ein webbasiertes Fotomanagement- und -sharingsystem handelt. Private Fotos werden von der Software auf die dargestellten Objekte und Personen hin geprüft und bekommen automatisch die Beschreibung «Der Eiffelturm in Paris» verpasst, sofern dessen kühne Konstruktion das Motiv des Fotos bilden sollte. Rund 20 Mio. Sehens-würdigkeiten sind schon erfasst.

Investmentprofis machen mit

Kooaba wurde bisher von vier professionellen Investoren und einigen Business Angels finanziert. Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) ging schon im Jahr 2008 beim damaligen Startup an Bord. Im folgenden Jahr wurde die Hasler Stiftung gewonnen, früher umstrittener Grossaktionär beim Telekommunikationskonzern Ascom. Diese fördert Forschung und Ausbildung auf dem Gebiet der Telekommunikation und der verteilten Informationssysteme (Bild: Geschäftsführer Paul Kleiner). Gleichzeitig engagierte sich auch das Family Office Chemolio Management AG, das auf Finanzierungen zwischen 1 und 15 Mio. CHF spezialisiert ist. «Wir sind von den zahlreichen Anwendungsmög-lichkeiten der Technologie überzeugt», begründet Chemolio-Geschäftsführer Matthias Huber das Investment. Bei der jüngsten Finanzierungsrunde stieg das 1974 von Beat Frey gegründete Family Office Corisol Holding aus Zug bei Kooaba ein.

Zurück zur vorherigen Seite

03.11.2010