Swiss Economic Forum Magazin vom 06.05.2009, Nr. 1, S. 39
Spin-off
Gute Grundlage für ein
Hightech-Unternehmen
DECTRIS
Die DECTRIS zeigt, wie nah Grundlagenforschung und ökonomischer Erfolg zusammenliegen können. Die Röntgendetektoren der Jungfirma haben sich in nur drei Jahren zu einem Verkaufsschlager entwickelt. Sie basieren auf Technologie, die am CERN zum Einsatz kommt.

Christian Brönnimann
Der Physiker Christian Brönnimann promovierte 1996 an der Universität Zürich.
Anschliessend arbeitete er am Paul Scherrer Institut im aargauischen Villigen.
1998 übernahm Brönnimann die Leitung einer Arbeitsgruppe zur Entwicklung
neuartiger Röntgendetektoren. 2006 entschloss sich der damals 40-jährige
Familienvater, die Detektoren mit seiner DECTRIS weiterzuentwickeln und
weltweit zu vermarkten.
So
viel das aktuelle Modell der Teilchenphysik auch erklärt - einen wunden Punkt
gibt es. Die Theorie setzt die Existenz eines Partikels voraus, das noch nie in
der Realität beobachtet wurde. Dieses sogenannte Higgs-Teilchen wird nun mit
grossem Mitteleinsatz gesucht. Unter anderem soll der neue Beschleuniger am
Genfer CERN, der mehrere Milliarden Franken gekostet hat, das Higgs endlich
zutage fördern. Auch Christian Brönnimann blickt gespannt nach Genf. Er hat
allen Grund dazu. Detektoren, die er mit seinem Team entwickelt hat, könnten
eine entscheidende Rolle beim Existenznachweis des fehlenden Puzzleteils der
Teilchenphysik spielen. Dieselbe Technologie, welche am CERN genutzt wird, liegt
den Röntgendetektoren zugrunde, die Brönnimann heute mit seiner DECTRIS
produziert. Während an der Genfer Grossforschungsanlage nach einem spektakulären
Fehlstart im Herbst momentan nichts mehr geht, ist das Aargauer Jungunternehmen
umso schneller unterwegs. 2009, im dritten Jahr nach der Gründung, erwartet CEO
Brönnimann einen Umsatz von 10 Millionen Franken. «Derzeit reichen unsere
Aufträge bis Mitte 2010», freut sich der Firmengründer.
Für rund 80 Prozent des Umsatzes sorgen Kunden aus der Forschung. Denn das CERN
ist nur der spektakulärste von mehreren Dutzend Beschleunigern, an denen die
Detektoren aus Baden verwendet werden können. Entwickelt haben Brönnimann und
sein Team die Röntgendetektoren ursprünglich für die Synchrotron Lichtquelle
Schweiz SLS am Paul Scherrer Institut in Villigen. Die SLS dient der angewandten
Forschung. Mittels Röntgenstrahlung werden zum Beispiel neuartige Materialien
untersucht oder die Struktur von komplexen Biomolekülen wie Proteinen bestimmt.
Die Produkte aus dem Aargau
bedeuten für die Untersuchungen einen klaren Fortschritt. Um die Röntgenstrahlen
zu detektieren, wurden diese bisher erst in sichtbares Licht umgewandelt und
dann mithilfe eines normalen digitalen Bildsensors, wie er sich auch in
Digitalkameras findet, registriert. DECTRIS dagegen detektiert die Röntgenstrahlen
direkt. Möglich macht es eine neue Hybrid-Pixel-Technologie. Dabei wird mit
einer Mikro-Verbindungstechnologie jeder Pixel des Sensors mit einem Pixel des
Mikrochips verbunden, in dem sich Verstärkungs- und Auswertungselektronik
befindet. Christian Brönnimann bringt die Vorteile seiner Entwicklung auf den
Punkt: «Unsere Detektoren sind viel empfindlicher und schneller als die
Konkurrenzprodukte.»
Ende 2005 entschloss sich Brönnimann
zur Gründung eines Spin-offs. Da er um die Komplexität der Detektoren und
ihrer Herstellung wusste, ging er Schritt für Schritt vor. Zuerst überzeugte
er zwei seiner Kollegen, mit ihm den Sprung vom Staatsangestellten ins
Unternehmertum zu wagen. «Eine junge Technologiefirma ist keine One-Man-Show»,
ist Brönnimann überzeugt. Nur zu dritt konnten die Gründer im Fall der
DECTRIS AG das grosse Know-how-Spektrum abdecken, welches Physik, Elektronik und
Software umfasst.
«Eine junge Technologiefirma ist keine One-Man-Show.»
Bei der Gründung kam lediglich
eine Person für Marketing und Sales von aussen hinzu. Auch dies hat sich als
richtige Entscheidung entpuppt. Denn nach Brönnimanns Erfahrung kann man bei
Wissenschaftlern, mit denen man vor kurzem noch zusammengearbeitet hat, nicht plötzlich
als Verkäufer in eigener Sache auftauchen.

Christian Brönnimann im Labor mit Sebastian Commichau
Intensiver Know-how- Transfer
Nach der Gründung löste Brönnimann
das Unternehmen langsam aus dem PSI heraus. Als die DECTRIS vor einem halben
Jahr das Gelände der Forschungseinrichtung verliess und nach Baden umzog. war
die Trennung auch räumlich vollzogen. Während des Aufbaus der Produktion in
den eigenen Räumen arbeitete man noch einmal intensiv zusammen. Doch heute ist
der Know-how-Transfer weitgehend abgeschlossen.
Ähnlich systematisch wie beim Transferprozess ging der Gründer auf der
wirtschaftlichen Seite vor. Er besuchte sehr selektiv Managementkurse und
stellte sich einen hochkarätigen Verwaltungsrat zusammen. In ihm sitzt etwa
Moritz Lechner. Der Vorzeigeunternehmer führt zusammen mit Felix Mayer die Zürcher
Sensorikfirma Sensirion. Sie gewann mehrere Preise, darunter 2004 den Swiss
Economic Award.
Ganz so weit wie Sensirion, die mittlerweile 130 Personen beschäftigt, ist Brönnimann
noch nicht. Doch es ist ihm noch einiges zuzutrauen. «Wir beginnen nun damit,
unsere Geräte für medizinische Anwendungen zu testen.» Erste Erfolge
ausserhalb der Forschungskunden gibt es bereits heute. Bei mehreren
Pharmakonzernen kam DECTRIS bereits für die Qualitätssicherung zum Zug. Kein
anderer Detektor kann so geringe Verunreinigungen in Medikamenten entdecken wie
die Produkte aus dem Aargau.
Dectris
AG
Branche:
Messgeräte
Ort: Baden (AG)
Gründung: 2006
Personal: 14 Mitarbeitende
Umsatz: 5 Millionen Franken
www.dectris.com
09.11.2011